Am 09. Februar 2026 kam wieder einmal die Facharbeitsgruppe Praktische Theologie des AfeT für ihre jährliche Tagung zusammen. Über 30 Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren angereist, während sich 12 Personen zeitweilig online dazugeschaltet hatten. Wieder einmal diente die Freie Theologische Hochschule Gießen als Gastgeberin. Wieder einmal gab es fachlich spannende Referate, anregende Diskussionen und nette Begegnungen zwischendurch.
Eine Neuerung in diesem Jahr war jedoch, dass die Tagung als eine gemeinsame Veranstaltung stattfand, zusammen mit der neu gegründeten Facharbeitsgruppe Religionspädagogik und Katechetik. Konkret wird die neue Facharbeitsgruppe von Prof. Dr. Arndt Schnepper (TH Ewersbach) und Prof. Dr. habil. Daniel Straß (IH Liebenzell) verantwortet.
Nach dem gemeinsamen Morgenlob und einer Vorstellungsrunde wurde der erste Teil der Tagung von Dr. habil Friedemann Burkhardt (IH Liebenzell) moderiert. Zunächst stellte Dr. Manuel Gräßlin die Haupterkenntnisse seiner Habilitationsschrift vor. Mit „Gottesdienste kontextuell gestalten. Eine liturgiewissenschaftliche Kairologie“ präsentierte er gerade nicht eine weitere kontextualisierende Liturgiestudie, sondern eine Perspektive auf die kontextgebende Dimension christlicher Gottesdienste. Als Gott-menschliches Begegnungsgeschehen verweise der Gottesdienst laut Gräßlin auf verschiedene Kontexte, die gleichzeitig ineinander verschränkt sind. Dabei lenkte er in seiner Auswertung den Blick auf produktionsästhetische Gestaltungsangebote, werkästhetische Gestaltungsvorgaben und rezeptionsästhetische Gestaltungserfahrungen, und entwickelte außerdem eine Taxonomie des Liturgischen Ichs, um Gottesdienste aus praktisch-theologischer Sicht noch besser zu verstehen.
Henrik Homrighausen, Doktorand an der STH Basel, bot Einblicke in den aktuellen Stand seiner Forschung. In „»Komm, wie du bist…« – Einblicke und Interpretationen zur liturgischen Rede von Sünde und Erlösung in freikirchlichen Gottesdiensten“ verband er gekonnt liturgietheoretische mit dogmatischen Überlegungen. Im Rahmen seiner Analyse von qualitativ-empirischen Gottesdienstportraits zeigte Homrighausen, welche Rolle die verschiedenen gottesdienstlichen Akteure hatten und welche Handlungsvollzüge der feiernden Gemeinde(n) jeweils für Sünde und Erlösung angeboten wurden. Weiterführende Fragen zum evangelikalen Gottesdienstverständnis, zum Vokabular der Sünde und besonders auch zur Rolle christlicher Musik unterstrichen zudem die Praxisrelevanz seiner Forschung.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen folgte der religionspädagogische Schwerpunkt der Tagung, abwechselnd moderiert von den beiden Leitern der FAG RK. Dr. Mareike Meiß-Schleifenbaum, Schulleiterin des Marburger Bibelseminars, stellte ihre abgeschlossene Dissertation „Religion und Lebenswelt“ vor. Im Anschluss an die religionsphilosophischen Arbeiten von Ingolf Dalferth ging es zunächst um eine Sicht auf Gottes Selbstauslegung in den Phänomenen der Welt. Diese diente dann als theoretische Grundlage für Fragen zur Aneignung religiöser Positionen durch Kinder und Jugendliche in nicht klassisch-religiös sozialisierten Familien, aufbauend auf die Rostocker Langzeitstudie von Anna-Katharina Szagun. Zwar sind lebensweltliche Einflüsse auf religiöse Positionen stark nachweisbar und oftmals prägend. Gleichzeitig aber gebe es relevante Anknüpfungspunkte, um die Kinder und Jugendliche in ihren Positionierungsprozessen bzw. in religiösen Bildungsprozessen taktvoll und milieu-sensibel (mit Verweis auf Reckwitz) zu begleiten. Besondere Bedeutung hat Meiß-Schleifenbaums Studie nicht nur für entwicklungspsychologische Fragestellungen, sondern konkret auch für die Gestaltung eines reflektierten Religionsunterrichts in unterschiedlichen Schulkontexten.
Danach referierte Marijke Benatzky über ihr Promotionsprojekt an der Universität Bern mit dem Titel „Verstummender Glaube? Nicht-professionelle Kommunikation des Evangeliums im Alltag unter den Bedingungen fortschreitender Säkularisierung und Individualisierung“. Anhand von ausführlichen Interviews untersuchte sie, wie die alltägliche Kommunikation des Evangeliums von den befragten Menschen verstanden, gestaltet und umgesetzt wird. Dabei zeigten sich spannende Korrelationen zwischen ausdrücklichen glaubensrelevanten Einladungen und Handlungen aufgrund persönlicher Werte und Haltungen. Neben der Formenvielfalt und dem (oftmals auch biografischen) Prozesscharakter wurde ebenfalls deutlich, wie zentral die tatsächliche religiöse Lesbarkeit der alltäglichen Kommunikation des Evangeliums ist.
Daniel Vullriede präsentierte mit „Kulturelle Liturgien und die Zukunft theologischer Ausbildung“ abschließend seinen Entwurf für ein Dissertationsprojekt an der TU Utrecht. Darin ging es um eine Analyse von James K.A. Smiths Bildungstheorie und ihrer Anwendung auf Schulen des KbA-Netzwerks im nachchristentümlichen Kontext. Traditionell ist »Bildung« in Deutschland ein mitunter stark diskutiertes und zugleich ein historisch-wirkmächtiges, variables Deutungsmuster, das in einer gewissen Spannung zu christlichen Konzeptionen und Praktiken von Bildung steht. Smith entwickelt von Theologie, Philosophie und Sozialwissenschaften herkommend das Bild eines homo liturgicus, bei dem die prägendsten Formen von Bildung durch individuelle und gemeinschaftliche Gewohnheiten im Lichte sozialer Vorstellungsschemata, zwischen Intellekt und Affekt, passieren. Wie dies das Curriculum von Schulen in der Konferenz bibeltreuer Ausbildungsstätten bereichern kann, sollen weitere Untersuchen zeigen.
Nach einigen Informationen und Buchhinweisen wurde die Tagung mit einem abschließenden Segensgebet beendet. Das nächste Treffen der Facharbeitsgruppen wird anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des AfeT im Herbst 2027 im mittelhessischen Marburg stattfinden.
Daniel Vullriede