Die Gemeinschaft Europäischer Evangelikaler Theologen (FEET) hielt ihre alle zwei Jahre stattfindende Tagung am 28. und 29. August, die erstmalig als Video-Konferenz gestaltet wurde. Das Thema der Konferenz, zu der FEET zusammen mit der Europäischen Evangelischen Allianz eingeladen hatte, war das Wirken des Heiligen Geistes in und durch die Kirche. Etwa 120 Theologinnen und Theologen aus ganz Europa nahmen daran teil.

Die kroatische baptistische Theologin, Dr. Ksenija Magda, die an der Univeristät Zagreb lehrt, sprach aus biblischer Perspektive über die verändernde Kraft des göttliches Geistes im Leben der Gläubigen, in der Kirche und in ihrer Sendung in die Welt.

Der finnische Professor Veli-Matti Kärkkäinen, der in den USA lehrt, schlug vor, das Werk des Geistes viel weiter auszulegen, als dies häufig geschieht. Seiner Meinung nach wirkt der Geist in der Schöpfung, in Bewegungen, die sich für ihre Bewahrung einsetzen, in Politik und Kunst ebenso wie in der Kirche. Für diese Ansicht stützte er sich unter anderem auf die niederländischen Theologen A. Kuyper und H. Berkhof. Kärkkäinen fuhr fort, dass der Geist in allen Aspekten des Prozesses der persönlichen Erlösung und Bekehrung, dem ordo salutis, aktiv ist: nicht nur bei der Erwählung, Wiedergeburt und Heiligung, sondern auch bei der geistigen und körperlichen Heilung und bei der Verteilung der Gaben. Im Anschluss an den Vortrag stellten die Teilnehmer kritische Fragen zu den Kriterien, um das Werk des Geistes prüfen zu können. Kärkkäinen antwortete, dass wir als fehlbare Menschen oft Fehler bei der Geisterunterscheidung gemacht haben, dass aber die Bindung an den Vater und den Sohn das beste Kriterium für die Unterscheidung sei.

Anbetung

Als dritter Redner befasste sich der norwegische Professor Terje Hegertun mit dem Wirken des Geistes in der Kirche. Er sagte, dass charismatische Christen ihre Lobpreislieder („Anbetung“) als eine Art Sakrament sehen und dass das Singen im Gottesdienst vieler Kirchen mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Predigen. In solchen Kirchen erleben Besucher Gottes Gegenwart und kommen zum Glauben. Hegertun stellte fest, dass die Kirche durch ihren Gottesdienst (Liturgie) das Reich Gottes vorwegnimmt, dass sie durch ihr Zeugnis das Evangelium verkündet (Kerygma) und dass sie durch ihre Taten den Menschen dient (Diakonie). Diese Aspekte müssen gut ausbalanciert sein. In Form und Stil kann sich die Kirche in die moderne Kultur, sogar in die Jugendkultur einfügen, aber Quelle und Inhalt muss das unveränderte Evangelium sein. Dies sei nach seinen Worten möglich. Die gegenwärtige Coronakrise, die Treffen erschwert, unterscheide sich nicht grundlegend von Zeiten der Verfolgung. Die Kirche könne die Krise durch Kreativität und durch die Bildung kleiner Gruppen überwinden, in denen die Gläubigen selbst für ihr spirituelles Wohlergehen verantwortlich sind.

Der spanische Psychiater Dr. Pablo Martinez sprach über das Wirken des Geistes im Gläubigen. Er erklärte, der Kern des christlichen Glaubens bestehe darin, dass er die Menschen so verändert, dass sie Jesus Christus ähnlich werden. Das ist das Werk des Geistes in uns. Obwohl die Wiedergeburt unser Temperament nicht verändert, formt und poliert der Heilige Geist es; er gibt uns die Gnade, mit uns selbst zu leben.

Schließlich sprach der rumänische Professor Corneliu Constantineanu über das Wirken des Geistes im öffentlichen Zeugnis der Kirche. Er stellte fest, dass die Kirchen in Osteuropa zu lange den Glauben vom Rest des Lebens getrennt haben. Diese Aufspaltung wurde durch das kommunistischen Regime verstärkt. Der Glaube wurde in der Kirche und und in der persönlichen Frömmigkeit gelebt, aber nicht im gesellschaftlichen Leben. Oft wurde davon gesprochen, „Seelen“ zu gewinnen, nicht vollständige Menschen. Dreißig Jahre später wird der Glaube immer noch in erster Linie als Privatsache betrachtet. Constantineanu forderte die Kirchen auf, in der Öffentlichkeit ein authentisches Zeugnis abzulegen, damit das Licht des Evangeliums in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen leuchtet. Die geisterfüllte Kirche kann einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Leidens in unserer komplexen und gespaltenen Welt leisten. Die Bibel lehrt uns, radikal gastfreundlich zu sein und sogar unseren Feinden zu essen zu geben.

Die Konferenzvorträge sollen in den nächsten Ausgaben des European Journal of Theology veröffentlich werden.

Ausweitung des evangelikalen Netzwerks

Während der Mitgliederversammlung von FEET übergab Professor Dr. Pierre Berthoud (Aix-en-Provence) den Vorsitz an den Niederländer Professor Dr. Gert Kwakkel, der in Kampen und Aix-en-Provence lehrt. Mehrere Theologen aus Osteuropa wurden in den Vorstand und in den Beratungsausschuss gewählt, so dass sich der Schwerpunkt von FEET leicht nach Osten verlagert. Diese Verschiebung zeigte sich auch darin, dass es zum ersten Mal seit über 40 Jahren keine Referenten aus England und Deutschland sprachen. Daran wird deutlich, dass sich die Arbeit evangelikaler Theologie in verschiedenen Teilen Europas ausweitet.

Eigentlich hätte die Konferenz in Prag stattfinden sollen, musste aber angesichts der gegenwärtigen Umstände online abgehalten werden. Dadurch war die Zahl der Teilnehmer höher als üblich, aber persönliche Begegnungen konnten nicht stattfinden. FEET plant für Sommer 2022 wieder eine Präsenzkonferenz in einer europäischen Stadt.

Dr. Pieter J. Lalleman/ Dr. Klaus Bensel