Im Institut für Ethik und Werte, das Räume der FTH Gießen nutzt, kamen am 4. März 2016 etwa 35 Personen zum jährlichen Treffen evangelikaler Ethiker zusammen. Zum öffentlichen Hauptvortrag eingeladen sind alle an evangelikaler Ethik interessierten Personen. An der Nachmittagsveranstaltung mit Kurzbeiträgen und Diskussionen nehmen dagegen überwiegend Dozenten und Doktoranden mit Schwerpunktgebiet Ethik aus evangelikalen Ausbildungsstätten teil.

Prof. Dr. Stefan Heuser, Lehrstuhlinhaber für Ethik und Pflege an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, entfaltete im Hauptvortrag theologisch-ethische Perspektiven auf das Altern. Die Reflexion auf das Altern geschah in historischen Druckgraphiken oft anhand sogenannter Lebenstreppen, die den Auf- und Abstieg der Fähigkeiten, aber auch der Akzeptanz verschiedener Lebensphasen durch das gesellschaftliche Umfeld des jeweiligen Individuums vor Augen führten. Das Märchen von der Lebenszeit der Brüder Grimm zeichnete eher herabwürdigende Stereotype des Alters. Eine Reaktion auf solche negativen Bewertungen stellt nach Heuser die Anti-Aging-Bewegung dar. In der älteren Forschung wird eine Gewinn- und Verlust-Rechnung anhand des gesunden und erwachsenen Menschen eröffnet, wobei die Verlustdimension des Alters gerade in evolutionsbiologischer Hinsicht besonders betont wird.

Zunehmend werde die Bedeutung der Biographie-Arbeit erkannt, betonte Heuser im Anschluss an Kierkegaard („Man kann nur rückwärts verstehen und vorwärts leben“). Das Altern erscheint dann als Selbstwerdungsprozess. Angesichts der Endgültigkeit des Todes fiele man in Verzweiflung, wenn es nicht zu einem „Wortwechsel“ mit Gott kommt (im Anschluss an Gerhard Sauter und 2. Kor. 4,16). Gott wird verherrlicht, der Mensch empfängt und gewinnt, indem er sich loslässt. Im Gebet artikuliert sich die Abhängigkeit, aber auch Persönlichkeit des Menschen.

Prof. Dr. Wilfried Sturm (IHL Bad Liebenzell) zeigte ethische Aspekte aus der Klinikseelsorge auf. Ausgangspunkt sind dabei problemorientierte Interviews im Hinblick auf die Intensivtherapie bei extrem frühgeborenen Kindern. Ziel ist eine quasi perichoretische Integration der Ethik in die Seelsorge durch Bewertung und Begleitung handelnder Personen in Extremsituationen. Ethik darf dabei nicht soteriologisch überfrachtet werden und das Rechtfertigungsgeschehen bleibe „Vor- und Nachwort ethischer Entscheidungen“.

Dr. Werner Neuer (Theolog. Seminar St. Christona) erläuterte Hintergründe zur Salzburger Erklärung „Die heutige Bedrohung der menschlichen Geschöpflichkeit und ihre Überwindung“, das aus der Arbeit der Bekenntnisökumene entstand. Es geht um den Kern einer biblisch-christlichen Überzeugung zur Schöpfungstheologie und Anthropologie, die konfessionsübergreifend vertreten wird und sich in einer großen Zahl prominenter Unterzeichner spiegelt. Gott wird als Geber und das Wesen des Menschen als vorgängiges Gesetztsein erkannt.

Dr. Bernd Wannenwetsch gab aufgrund seiner Erfahrungen an der Universität Aberdeen Einblick in die angelsächsische Debatte über die Narrativität der Ethik. Dabei geht es um die „affektive Grundierung ethischen Urteilens“ im Rahmen einer Urteilsgemeinschaft. Der persönliche Charakter beruht auf einem Erfahrensein in Geschichten. Narrative Ethik wehrt sich gegen die Reduktion der Komplexität von Ethik, hat eine parataktische Struktur, geht vom Handeln des geschichtsmächtigen Gottes aus. Prinzipien werden in Narrative umgewandelt und verdeutlichen, dass es oft nicht kein schlichtes Ja oder Nein möglich ist. Summarien verdichten, Bekenntnisse sind verdichtete Narrative.

Dr. Christian Herrmann (WLB Stuttgart) stellte ein Thesenpapier zum Thema „Wie politisch muss, kann, darf die Kirche sein?“ vor. Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium und der usus politicus legis bringen es mit sich, dass „christliche Politik“ möglich und nötig ist, eine „Politisierung des Christentums“ dagegen nicht. Politik darf sich nicht gegenüber Gott verselbständigen, allerdings auch nicht mit einem Erlösungsanspruch auftreten. Der Ausgangspunkt bei Gott erleichtert den Umgang mit Unterschieden.

 

Christian Herrmann