Bericht von der Herbsttagung der Facharbeitsgruppe

Praktische Theologie

Hans-Georg Wünch

Empirische Untersuchungen zu Russlanddeutschen Freikirchen (Dr. Heinrich Löwen) und zur christlichen Familie heute (Wilhelm Faix), sowie biographische Einsichten in das Leben von Pfarrer Wilhelm Busch (Pfarrer Wolfgang Becker) – dies waren die Themen der Facharbeitsgruppentagung Praktische Theologie am 18.10.99 im Neues Leben-Zentrum in Wölmersen.

Aus russlanddeutschen Freikirchen

Dr. Heinrich Löwen berichtete aus seiner Dissertation über „Gemeindepädagogik in Russlanddeutschen Freikirchen in der Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart“. Dr. Löwen hatte dafür eine empirische Untersuchung unter Mitgliedern des „Bund Taufgesinnter Gemeinden“ (BTG) durchgeführt und ausgewertet. Von 1950 bis 1996 sind insgesamt 3.686.452 Aussiedler nach Deutschland eingewandert. Etwa der Russlanddeutschen bezeichnen sich als Christen. 1976 war der größte Anteil (41%) evangelische Christen (Lutheraner), 30% Katholiken, 16,4% Baptisten, 8,5% Mennoniten, 3% andere konfessionelle Gruppen und Sekten. An dieser Situation hat sich auch heute im Wesentlichen nichts geändert. Die Russlanddeutschen Gemeinden stellen trotzdem die größten Freikirchen Deutschlands dar und gehören zu den am schnellsten wachsenden Freikirchen. Von 1995 bis 1997 gab es ein Wachstum von 23,4%. Wesentliche Faktoren für dieses Wachstum können, so Löwen, in der Familienerziehung und der Gemeindepädagogik gefunden werden. Dabei wird sehr häufig darauf geachtet, die Kinder von Gemeindegliedern vor schädlichen Einflüssen der „Welt“ zu bewahren, indem möglichst die gesamte Freizeit innerhalb der Gemeinde verplant wird.

Die christliche Familie heute

Wilhelm Faix berichtete in einem zweiten Vortrag „Die christliche Familie heute“ über seine Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über das Glaubensleben, Familienleben und die Erziehung evangelikaler Familien. Insgesamt hatte er dazu 6000 Fragebögen bei evangelikalen Veranstaltungen verteilt, und zwar bundesweit mit Schwerpunkt Süddeutschland. Die Bögen mussten ausgefüllt werden, was ca. Stunde Aufwand bedeutete und dann eingesandt. Der Rücklauf lag bei etwas über 10% (627). Dies bedeutet natürlich, dass hierüber eine Art Auslese stattfand. Von daher kann man davon ausgehen, dass nur solche Personen geantwortet haben, die ein gewisses Interesse an der Umfrage hatten. Im Wesentlichen haben Mitarbeiter in einer Gemeinde teilgenommen (die erste Frage, ob man bewusster Christ sei, wurde zu fast 100% mit „ja“ beantwortet). Die Frage, ob man bewusst sein Glaubensleben gestalte, wurde zu 79% bejaht.

Dieses bewusste Gestalten des eigenen Glaubenslebens schließt die Ehe ausdrücklich ein, wobei in der Untersuchung deutlich wurde, dass Mängel gewöhnlich auf den Mann zurückgeführt werden. Das gemeinsame Gebet in der Ehe ist offenbar keine Selbstverständlichkeit (nur bei ca. 29% regelmäßig), obwohl es von den meisten gewünscht wird (ca. 70%). Die wesentlichen Anregungen für das geistliche Leben kommen von der Kleingruppe oder den Freunden, nicht so sehr von Familie oder Gemeinde.

Allgemein zeigte sich bei der Untersuchung ein Rückgang des Familienlebens. Vor allem der Vater zieht sich mehr und mehr aus der Verantwortung zurück (hat keine Zeit). Der größte Teil des Familienlebens wird allerdings dennoch als harmonisch und zufrieden stellend empfunden. Das Wochenende wird sehr stark alleine gestaltet, nicht mit anderen Familien, und auch das gemeinsame Leben in der Familie ist nicht sehr ausgeprägt. Zwar ist der Wunsch danach sehr groß, aber die Wirklichkeit entspricht dem oft nicht.

Die Facharbeitsgruppe Praktische Theologie...
Die Facharbeitsgruppe Praktische Theologie...

Insgesamt wurde eine recht große Differenziertheit und Bewusstheit in der Erziehung festgestellt. Erziehungsziele und Erziehungsmittel werden gezielt eingesetzt. Auch die körperliche Strafe ist in evangelikalen Kreisen nicht das bevorzugte Erziehungsmittel. Sie wird vielmehr in der Mehrzahl der Fälle bewusst und gezielt eingesetzt. Dabei sind es vor allem der Klaps und die leichten körperlichen Strafen, die benutzt werden.

Leben und Verkündigung bei Pfarrer Wilhelm Busch

Aus einem völlig anderen Bereich praktischer Theologie berichtete Pfarrer Wolfgang Becker. Er untersucht zurzeit für eine Dissertation das Leben und den Dienst von Pfarrer Wilhelm Busch. Unter dem Thema „Biographische und homiletische Aspekte des Pfarrers Wilhelm Busch“ berichtete Becker von seinem Versuch, die Person von Wilhelm Busch und sein Wirken mit seiner evangelistischen Tätigkeit in Verbindung zu bringen, ohne eine Biographie zu erstellen, was er selbst nicht wollte und noch heute von seiner Familie und seine Schülern strikt abgelehnt wird. Auf der anderen Seite hat schon Busch immer wieder deutlich gemacht, dass Gottes Handeln in der Welt immer zugleich verbunden ist mit seiner Geschichte in und mit den Menschen. Von daher erscheint eine biographische Untersuchung von Busch durchaus gerechtfertigt, wenn dadurch die Wirksamkeit Gottes im Leben dieses Mannes im Vordergrund steht und deutlich wird.

...auf ihrer Herbsttagung
...auf ihrer Herbsttagung

Becker beschäftigte sich vor allem mit der „evangelistischen Predigt“. Vor allem die Unterscheidung zwischen „Evangelisation“ und „Mission“ ist dabei zu definieren. Im deutschsprachigen Kontext ist der Begriff des „Evangelisten“ im Sinne der missionarischen Verkündigung in Deutschland häufig. Während dieser Begriff lange Zeit nur für die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes verwandt wurde, ist er im letzten Jahrhundert durchaus wieder für den Verkündiger des Evangeliums benutzt worden, vor allem für die reisenden Prediger.

Im internationalen Bereich ist der Wandel, der im Blick auf „evangelistische Verkündigung“ vor sich gegangen ist, so radikal, dass die missionarische Verkündigung als rettendes Handeln häufig überhaupt nicht mehr vorkommt. Als Reaktion darauf hat sich im evangelikalen Bereich folgende Differenzierung durchgesetzt: Mission wird häufig als die grundsätzliche Sendung der Kirche in die Welt gesehen. Unterpunkt dieser Mission ist die evangelistische Verkündigung.

Es ist, so Becker, durchaus sachlich berechtigt, von evangelistischer Verkündigung zu sprechen. Während der Begriff „Mission“ oder „Volksmission“ hauptsächlich die Sendung der Gemeinde in die Welt im allgemeinen Sinn meint, ist das Adjektiv „evangelistisch“ immer zugleich ein inhaltlicher Begriff. Es geht um die Verkündigung des Evangeliums, sowohl in der Welt als auch innerhalb der Gemeinde.

Becker machte deutlich, dass gerade bei Busch der Zusammenhang zwischen Theologie und Biographie sehr deutlich ist. Außerdem zeigte Becker die weit verbreiteten Beziehungen auf, in denen noch heute das Wirken von Pfarrer Busch sichtbar ist und Früchte trägt.

Hinweis: Wilhelm Faix: Die christliche Familie heute. Ergebnis einer Umfrage unter evangelikalen Familien über ihr Glaubens- und Familienleben und ihre Erziehungspraxis. Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2000. Auslieferung: Hänssler Verlag. Preis: 29,80 DM. ISBN 3-932829-12-3.

 

aus: Evangelikale Theologie Mitteilungen - ETM 6/1 (2000)
Herausgeber: AfeT - Arbeitskreis für evangelikale Theologie

22.07.2000
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