Die Verleihung des Johann-Tobias-Beck-Preises 2005 an den Schweizer Pastor Dr. Jürg Buchegger für seine Arbeit „Erneuerung des Menschen: Exegetische Studien zu Paulus“ fand am 13. September 2005 im Rahmen der Theologischen Studienkonferenz des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) in Bad Blankenburg statt. In seiner bei diesem Anlass gehaltenen Laudatio würdigt Christoph Stenschke die Arbeit des Preisträgers:

Laudatio zur Verleihung des Johann-Tobias-Beck-Preises 2005 auf

Jürg Buchegger „Erneuerung des Menschen: Exegetische Studien zu Paulus“

TANZ 40. Tübingen, Basel: A. Francke, 2003. xiv + 409 pp. 64 €, paperback. ISBN 3-7720-2832-2

Die vorliegende Untersuchung des Schweizer Pastors Dr. Jürg Buchegger geht auf eine Doktoraldissertation an der Evangelisch Theologischen Fakultät (ETF) in Leuven unter Erich Mauerhofer zurück. Sie geht der Frage nach: Was meint Paulus, wenn er von der "Erneuerung des Menschen" spricht? BUCHEGGER geht von der Feststellung aus, dass die griechischen Begriffe anakainosis und anakainoon vor Paulus nicht nachweisbar sind und mit großer Sicherheit auf den Apostel selbst zurückgehen: "Die vorliegende Arbeit wird exemplarisch eine auf statistischem Weg festgestellte potentielle Neubildung des Paulus detailliert untersuchen und dabei auch versuchen, Gründe und Ursachen für deren Bildung zu eruieren" (2). Theologisch interessant ist, wie Paulus zugleich vom Neu-Sein des wiedergeborenen Menschen und von seiner andauernden Erneuerung sprechen kann. Was versteht Paulus unter dieser Erneuerung? "Wer bewirkt sie, und wo geschieht sie im oder am Menschen? Wie hängt sie mit seinen Aussagen über die 'neue Schöpfung' des Menschen oder dessen 'Umgestaltung' zusammen?" (7).

Im einleitenden ersten Kapitel beschreibt BUCHEGGER ferner das Thema und die damit gegebenen Problemstellungen und Abgrenzungen. Dem folgt ein ausführlicher Forschungsüberblick (7-36) und eine vorbildliche Darlegung der eigenen Voraussetzungen (Paulus und seine Theologie, die traditionsgeschichtliche Herkunft theologischer Konzepte bei Paulus und die Einschätzung des Kol, Eph und Titus) sowie eine Methodenreflexion (36-54).

Kapitel zwei, "Erneuerung des Menschen" vor Paulus beleuchtet nach knappen methodischen Überlegungen mögliche traditionsgeschichtliche Bezüge zum AT und Frühjudentum sowie Aussagen zur Erneuerung/Neuheit bei Jesus (55-83). BUCHEGGER schließt, dass Paulus zwar, was die Neuheitsthematik insgesamt betrifft, aus den untersuchten atl Stellen schöpft, aber die bei ihm mit Erneuerung bezeichnete Sache findet sich im AT erst indirekt angedeutet, denn "Zwischen den Aussagen der Propheten Jesaja, Jeremia und Hesekiel zur Neuheit und den Aussagen des Paulus zur 'Erneuerung des Menschen' steht eben noch das eine entscheidende Ereignis: Das Kommen des Christus in Jesus von Nazareth und das Kommen des Heiligen Geistes am Pfingsttag" (79).

Den Hauptteil der Arbeit bildet die gründliche Untersuchung der Vorkommen der pln Erneuerungsbegriffe, die BUCHEGGER in der wahrscheinlichen zeitlichen Abfolge behandelt und so eine zeitliche Entwicklung rekonstruiert. In 2 Kor 4.6 sieht BUCHEGGER die Erkenntnis des Paulus, dass sich die gesamten Neuheitsthemen des AT plötzlich in einem einzigen Bild konzentrieren, nämlich in der Erkenntnis, dass das Neue durch Christus gekommen ist. Doch muss dieses Neue mit der existentiellen Erfahrung des Leidens und dem offensichtlichen Alterungsprozess des Leibes korreliert werden: "Wie konnte man angesichts der alltäglichen Erfahrung des Zerfalls, der Schwierigkeiten und Mühen von einer 'Neuen Schöpfung' sprechen? Wie konnte man als 'neuer Mensch' in dieser alten Welt leben?" Der Glaubende ist in der Spannung von neuer Schöpfung und der notwendigen täglichen Erneuerung: "Das 'Erneuern' fasst also in einem einzigen Wort die am glaubenden Menschen wirkenden (Heiliger Geist) Vorgänge (umgestalten, verherrlichen) der neuen Realität in Christus angesichts des vergehenden Äons zusammen, wobei auch das Ziel (Bild Gottes, Leben, Herrlichkeit) bereits mitanklingt" (141). Dabei meint Paulus Vorgänge, die bereits bekehrte Christen betreffen. Auch nicht andeutungsweise kommt der Begriff in einem direkten Zusammenhang mit der Taufe vor.

In Römer 12.2 (142-87) werden Christen in enger Verknüpfung mit der Umgestaltung zur Erneuerung ihres Sinnes aufgefordert. Umgestaltung "sieht den Vorgang aus der Perspektive des Menschen und kann daher auch gefordert werden, während 'Erneuerung' völlig das Einwirken von Gottes Welt betont und nur passivisch gesagt werden kann". BUCHEGGER fährt fort:

Die Erneuerung des Sinnes soll zu rechten Erkennen des Willens Gottes und entsprechendem Tun und Handeln führen. ... Erneuerung ist eine Konsequenz des rechtfertigenden Handelns Gottes am Menschen, ist also - wie bereits in 2 Kor 4-5 klar geworden war - nicht mit der Neuschöpfung gleichzusetzen. Die Metastruktur des ganzen Briefaufbaus und Beobachtungen zur atl geprägten exegetischen Substruktur haben gezeigt, dass die Erneuerung zwar von der Umkehr und Taufe herkommt, aber nicht mit dieser identifiziert werden kann (187).

Ferner untersucht BUCHEGGER die Vorkommen in Epheser 4.23, Kolosser 3.10 und in Titus 3.5 (188-280; zu Titus schreibt B: "'Erneuerung' ist auch hier ausdrücklich mit dem Wirken des Heiligen Geistes verbunden und dient offenbar wie bereits in Röm 12.2 als 'Konzentratwort'. Es fasst das anhaltende, in das Bild Gottes umgestaltende Wirken des Geistes am Christen im Spannungsfeld des alten und neuen Äons, mit dem Ziel, das Tun der Gebote und des Willens Gottes zu ermöglichen, in sich zusammen", 280).

Im Abschlusskapitel zieht BUCHEGGER ein Fazit zum pln Verständnis der Erneuerung des Menschen (281-97). Er rekonstruiert die wahrscheinliche Genese des Ausdrucks und Konzeptes und seine heilsgeschichtlichen Voraussetzungen. Dem folgen Zusammenfassungen der exegetischen Erträge zu den einzelnen Vorkommen (wie bereits am Ende der einzelnen Kapitel) und Hinweise auf offen gebliebene Fragen. Bei Paulus ist Erneuerung "nicht etwa ein schwammiges Pendant für die 'Neuschöpfung' oder Bekehrung des Menschen, sondern ein außerordentliches Konzentratwort, das die gesamten Vorgänge und Kraftwirkungen Gottes im Leben des Christen seit seiner Bekehrung bis zu seinem irdischen Lebensende und insbesondere dessen lebensnotwendige personale Christusbeziehung in sich vereinigt" (291). Ferner bietet BUCHEGGER eine hilfreiche Zusammenfassung in fünfzehn Thesen. Dem folgt ein hervorragender Überblick über die Erneuerung des Menschen als ein Thema in der systematischen und praktischen Theologie (298-310). In letzterer liegt der Schwerpunkt auf der Bedeutung für die Seelsorge. BUCHEGGER diskutiert vom pln Befund her den Veränderungsoptimismus oder -pessimismus moderner Seelsorgekonzepte: "Was darf im Leben eines Christen angesichts der biblischen Aussage einer 'Erneuerung des Menschen' an tatsächlicher Veränderung und Erneuerung hier und jetzt erwartet werden, und welchen Beitrag kann dabei die christliche Seelsorge leisten?" (54). Ähnliche Brückenschläge vermisst man leider in vielen exegetischen Arbeiten! In einem Anhang gibt BUCHEGGER einen Überblick über Wortgeschichte und nachpln Belege des Erneuerungsvokabulars (311-18). Bibliographie, Stellen- und Autorenregister beenden den Band.

BUCHEGGER hat mit dieser Arbeit ein wichtiges, bisher kaum beachtetes pln Thema umfassend und überzeugend behandelt und damit eine Forschungslücke geschlossen. Anfragen habe ich lediglich an die Rekonstruktion der Entwicklung der pln Vorkommen und Verwendung. Konnte Paulus bei den Lesern der zeitlich späteren Briefe die inhaltliche Bestimmung der Erneuerung in 2 Kor 4.16 voraussetzen, zumal er im Römerbrief und Kolosserbrief an Gemeinden schreibt, die seine missionarische Erstverkündigung und Gründungskatechese nicht kannten? Wie werden sie vom Kontext her die Begrifflichkeit der Erneuerung verstanden haben? Doch ist diese Rekonstruktion kein wesentlicher Bestandteil von BUCHEGGERs Argumentation.

Neben dem beachtlichen Ertrag der Untersuchung für die pln und ntl Theologie, für eine gesamtbiblische Anthropologie und Soteriologie und den skizzierten Linien in die systematische und praktische Theologie ist BUCHEGGERs Arbeit ein durchwegs gelungenes Beispiel für eine gründlich recherchierte und argumentierende Dissertation zu einem Paulus-Thema aus evangelikaler Perspektive, die sich vor der detaillierten Auseinandersetzung mit anderen Positionen nicht scheut, sie gekonnt führt und exegetisch begründet zu eigenen Positionen kommt. Sie zeigt dabei die Fruchtbarkeit evangelikaler Voraussetzungen auf (auch in Einleitungsfragen!) und kann zukünftigen Studenten und Doktoranden als Vorbild dienen. Gespannt wartet man auf weitere Beiträge aus Bucheggers Feder.

Christoph Stenschke

22.09.2005 –  http://www.afet.de