Die Verleihung des Johann-Tobias-Beck-Preises 2003 an den Neutestamentler Prof. Dr. Eckhard J. Schnabel für seine Arbeit „Urchristliche Mission“ fand am 16. September 2003 im Rahmen der Theologischen Studienkonferenz des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) in Bad Blankenburg statt. In seiner bei diesem Anlass gehaltenen Laudatio würdigt Pfr. Dr. Heinz-Werner Neudorfer (Weil.i.S.) die Arbeit des Preisträgers:

Laudatio auf zur Verleihung des Johann-Tobias-Beck-Preises 2003 auf

Dr. Eckhard J. Schnabel: „Urchristliche Mission“

Von Dr. Heinz-Werner Neudorfer

Sehr geehrter, lieber Herr Prof. Schnabel, illustre Gäste!

Das Schöne an einer Laudatio ist, dass sie – wie ihr Name schon sagt – des Lobes voll sein darf und sein muss. Das bedeutet umgekehrt: Anders als bei einer Rezension wird von einer Laudatio nicht erwartet, dass der Laudator kritische Punkte auflistet, notfalls auch an den Haaren herbei zieht. Anders als bei einer privaten Adresse steht er aber auch nicht vor dem Problem, angebrachte Kritik so verpacken zu müssen, dass sie zwar ankommt, aber doch nicht als solche empfunden wird.

„Laudatio“ heißt „Belobigung“. Gemeint ist die Möglichkeit, einen verdienten Menschen öffentlich und über den grünen Klee loben zu dürfen, ohne dass er selbst oder andere das verhindern können. Das bei solcher Gelegenheit öffentlich und über den grünen Klee ausgeteilte Lob soll, muss aber nicht, einen Anhalt an der Wirklichkeit haben, es soll, muss aber nicht, begründet sein.

Grund des hier öffentlich und über den grünen Klee auszuteilenden Lobs ist ein Buch. Ein Buch, das nach Überzeugung des vergebenden Gremiums einen wesentlichen Beitrag zur evangelikalen Theologie bzw. (und das ist ja etwas anderes!) zur Theologie aus evangelikaler Sicht darstellt. Ob in diesem Fall das Eine oder das Andere zutrifft oder gar beides, überlasse ich denen, die das in Rede stehende Buch lesen werden, komme aber selber später noch einmal darauf zurück.

„Urchristliche Mission“ ist das 1800-Seiten-Buch schlicht überschrieben. Das Arbeitsfeld, das damit gemeint ist, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum nur relativ geringen Interesses erfreut. Oder hatte die grundlegende Monografie von Ferdinand Hahn Anfang der 60er Jahre das Feld auf Jahrzehnte abgeerntet? Immerhin schreibt Christoph Stenschke am Anfang einer vor wenigen Monaten erschienenen Sammelrezension über „Neuere Arbeiten und Tendenzen zur Mission im Neuen Testament“, es seien in den letzten Jahren „mehrere wichtige monographische Beiträge zu diesem Thema erschienen“. Am Ende dann mit Blick auf die heute zu lobende Arbeit sein Desiderat: „Nach den Vorarbeiten von E.J. Schnabel … wartet man mit Spannung auf Schnabels angekündigtes opus magnum Die urchristliche Mission (…). Es ist zu begrüßen, dass der umfangreiche Band, der auf Jahre das Standardwerk zum Thema Mission im Neuen Testament werden dürfte, wie einige der hier vorgestellten Beiträge, aus evangelikaler Feder stammt“.1

Inzwischen liegt das Buch auf dem Tisch. Es ist von der Anlage her höchstens mit Adolf von Harnacks „Entstehung und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten“ von 1902 zu vergleichen. Worum es geht, deutet die Definition von Mission an (S. 11): sie ist „die Aktivität einer Glaubensgemeinschaft, die sich von ihrer Umwelt in religiöser (theologischer) Hinsicht und im Hinblick auf gesellschaftliches (ethisches) Verhalten unterscheidet, die vom Wahrheitsanspruch der eigenen Glaubensinhalte überzeugt ist und die darauf hinarbeitet, andere Menschen für die Glaubensinhalte und die Lebenspraxis, von deren Wahrheit und Notwendigkeit man überzeugt ist, zu gewinnen“ (11).

Zum Buch selber: Nach einer Einleitung handelt Schnabel in einem 1. Teil unter dem Themawort „Verheißung“ über „die endzeitliche Erwartung Israels und die frühjüdische Expansion“. Es schließt sich Teil 2 „Erfüllung“ über „die Mission Jesu“ an. In Teil III geht es dann unter dem Stichwort „Die Anfänge“ um „Die Mission der Apostel in Jerusalem“. Teil IV „Aufbruch“ behandelt „Die Mission der Zwölf von Jerusalem bis an das Ende der Erde“ mit mutigen Abschnitten über die Mission in Indien und Parthien, in Babylonien und Skythien. Teil V schließlich tritt unter dem Stichwort „Pioniermission“ „Die Mission des Apostels Paulus“ in den Blick. In Teil VI „Wachstum“ geht es um die „Konsolidierung und Herausforderungen der Gemeinden“, bevor endlich im VII. Teil „Ertrag“ zusammenfassende Ausführungen über „Selbstverständnis, Praxis und Botschaft der christlichen Mission“ das Ganze bündeln und Schnabel die Brücke schlägt von der urchristlichen Mission ins 20. und 21. Jahrhundert.

Hält es, was Stenschke sich erhoffte? Halten wir hier tatsächlich das Standardwerk der kommenden Jahr, vielleicht Jahrzehnte in der Hand? Ich denke: Ja, und das nicht nur aufgrund der immensen Fleißarbeit, die geleistet wurde: allein die Bibliographie umfasst annähernd 100 Seiten! Ich denke: Ja, und zwar (ohne ins Detail zu gehen) aus folgenden Gründen:

Eckhard Schnabels Buch ist ein umfassendes Kompendium ntl. Geschichte und Theologie. Im Vorübergehen diskutiert er fast sämtliche zwischen evangelikalen und anderen Theologen umstrittene Punkte und bietet sehr knapp einen fairen Überblick über die jeweiligen Argumente, überlässt dem Leser selbst auch gelegentlich die Entscheidung. Er schreibt gradlinig und zielbewusst, dabei aber im Urteil besonnen, verzichtet auf Selbstverabsolutierung, bemüht sich um fairen Umgang mit kontroversen Positionen, die er nicht einfach links (oder rechts) liegen lässt. Dabei erfährt auch die internationale, besonders angelsächsische Forschung ausführliche Berücksichtigung. Aber auch den Entwicklungen jenseits des theologischen Gartenzauns trägt Schnabel Rechnung, indem er neben der sog. „Individualgeschichte“ auch die „Strukturgeschichte“ berücksichtigen will, nämlich die Sozial- und die Mentalitätsgeschichte. Aufnahme von Entwicklungen der Geschichtswissenschaft.

Dieser Ansatz wird methodisch umgesetzt, indem etwa die gesellschaftlichen Realitäten in Palästina oder im Römischen Reich dargestellt und beachtet werden. In dieser Hinsicht dürfte sein Buch im exegetischen Bereich wegweisend sein. Geographischen Details, z. B. der Frage nach Reisewegen und der Infrastruktur, geht er nicht aus dem Weg, sondern widmet ihnen etlichen Raum. Eindeutiger Schwerpunkt ist dabei die von Paulus ausgehende Mission. Sie nimmt etwa 1/3 des Umfangs seines Buches ein.

Aktuell diskutierten Fragen geht der Autor nicht aus dem Wege. Einige Beispiele:

Zur Frage vorchristlicher jüdischer Mission schreibt er zusammenfassend: „Das Judentum besaß vor dem 1. Jh. n. Chr. weder eine Missionstheorie noch eine geplant betriebene Missionsarbeit. Die Missionstätigkeit der ersten Christen kann weder mit Vorbildern im Alten Testament noch mit Modellen frühjüdischer Mission erklärt werden.“ (175)

Den Missionsbefehl „Matthäi am letzten“ behandelt Schnabel im Rahmen der Beziehung Jesu zu den Nichtjuden bzw. im Kontext der übrigen drei Missionsbefehle Jesu an seine Jünger. Zur kontroversen Frage nach der „Echtheit“ des matthäischen Missionsbefehls bietet er die Hauptargumente von deren Bestreitern, dann ausführlich und überzeugend seine Einwendungen. Mit Rückgriff auf Peter Stuhlmacher hält Schnabel an der Authentizität fest.

Auch das Thema „Galatien“ kommt in angemessenem Umfang vor. Der Autor hat sich der Mühe unterzogen, die Geographie und die antiken Überreste in Kleinasien und Griechenland in eigene Anschauung zu nehmen (1048ff) und nicht nur vom Schreibtisch aus über Reisemöglichkeiten und Lebensumstände zu handeln. Er ist dabei auf bisher nicht beachtete archäologische Zeugnisse gestoßen, die manches in einem neuen Licht erscheinen lassen dürften.

Eine Laudatio hat des Lobes voll zu sein. Einem Spätachtundsechziger wie mir und persönlichen Freund des zu Ehrenden werden Freund und Feind nachsehen, dass es ohne einige kritische Bemerkungen natürlich nicht abgeht, Bemerkungen, die durchaus darauf zielen, die AfeT-interne Diskussion anzuregen. Sie beziehen sich auf den Inhalt der missionarischen Botschaft. Er kommt – man verzeihe mir diese gewiss subjektive Einschätzung – erstaunlicherweise relativ kurz (vgl. aber § 28.3): „Der Inhalt der Botschaft des Apostels Paulus ist das Evangelium. Aus den Missionsreden der Apostelgeschichte ergibt sich als zentraler Inhalt, je nach Adressaten mehr oder weniger ausführlich dargestellt, der Tod und die Auferstehung Jesu, Jesus als Messias und als Kyrios, die Heilsbedeutung Jesu, die Erwartung der Wiederkunft Jesu …“ (1297). Was ist damit konkret gemeint? Zwar befasst sich Schnabel in § 28.3 noch einmal mit diesen Punkten, und man mag mit Recht fragen, ob denn die Inhalte in einem solchen Buch nicht nur am Rande erscheinen dürfen. Von seinem Gesamtentwurf und Anspruch her erscheint mir das allerdings fraglich.

An einem Punkt möchte ich das verdeutlichen, um auch dieses innerevangelikale „Fettnäpfchen“ nicht ausgelassen zu haben: am Thema „Taufe“. Ich kam auf sie nicht nur, weil ich bei der Beschäftigung mit Eckhard Schnabels Buch von sehr viel Wasser umgeben war. Um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Ich bin nicht der Meinung, die Taufe sei das Zentrum aller Theologie oder allen christlichen Glaubens und Lebens. Das ist sie gewiss nicht. Aber hat sie in einem Buch über „urchristliche Mission“ nicht mehr verdient als im Register nur mit dem Verweis „s. Paulus“ behandelt zu werden? Schlägt man dort nach, wird immerhin auf zwei Stellen verwiesen. Dort wiederum erfahren wir 1., dass Paulus Gemeinden gründete, „(Lebens-)Gemeinschaften der zum Glauben an Jesus Christus Gekommenen, denen sich Menschen mit der Taufe anschließen“ (1311). Ein wenig anders sah es nach Schnabel im Kontext der frühchristlichen Missionspredigt vor Paulus aus: „Die Rettung ist verbunden mit der Wassertaufe, d.h. einem Tauchbad zur Demonstration der erfolgten Umkehr …“ (395). Wenn die jüdische Proselytentaufe ein Vorbild der frühchristlichen Taufpraxis gewesen ist, müsste diese Aussage doch in Frage gestellt werden. 2. lesen wir, „dass die Taufe für Paulus offensichtlich keine Heilsbedeutung und auch keine missionsstrategische Bedeutung hatte“, ja „dass für Paulus die Taufe offenbar nicht direkt etwas mit dem Heil zu tun hat“ (1381). Daran schließt sich die berechtigte Auseinandersetzung mit einer Position an, die in der Taufe an sich ein „effektiv-kausatives Geschehen“ sehen möchte“ (1382) und damit die Grenze zu einem gewiss unbiblischen Ex-opere-operato-Denken verwischt. Hebr 6,1+2, wo ein Kanon der Lehrgegenstände genannt wird, die wohl zur christlichen Grundunterweisung gehört haben, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.

Genug der Beckmesserei! Indem ich nun gewaltig viel Hefe in den Prozess unserer Konferenzdiskussion geworfen habe – Hefe, die ja mit dem Konferenzthema eigentlich gar nichts zu tun hat (oder doch?) – , will ich es genug sein lassen. Meine Kritik mag ein Anreiz sein, das Buch zu lesen! Und damit bin ich noch einmal bei der Frage, warum denn gerade dieses Buch des Lobes und gerade dieses evangelikalen Preises wert ist.

Was ist „evangelikale Theologie“? Keine Angst, dieses heiße Eisen werde ich umgehen! Die Meinungen darüber gehen auch unter uns auseinander. Ich meine aber cum grano salis nicht ganz falsch zu liegen, wenn ich evangelikaler Theologie folgende Reihe von Eigenschaften zuschreibe: Sie ist heilsgeschichtlich orientiert, sie ist missionarisch ausgerichtet, sie ist grundsätzlich „biblisch“, wenn auch dieses Stichwort die Tür zu einem breiten Spektrum von Zugängen öffnet; sie ist gemeindeorientiert und sie ist eschatologisch interessiert, sie geht behutsam und tendentiell vertrauensvoll mit frühkirchlichen Zeugnissen um. Heilsgeschichtlich, missionarisch, biblisch, gemeindeorientiert, eschatologisch, behutsam: Geht man mit dieser „Messlatte“ Eckhard Schnabels Buch durch, so fällt es an keinem einzigen Punkt durch das Sieb. Den Einzelnachweis erspare ich uns heute abend, denn wir wollen ja noch einen Vortrag des Ausgezeichneten hören. Prof. Eckhard Schnabel hat ein Buch geschrieben, das ich persönlich voller Bewunderung vor den ihm verliehenen Gaben (dazu gehört allem voran auch die Zähigkeit!) nicht gelesen, aber doch zur Kenntnis genommen habe, und das in der wissenschaftlichen Diskussion nicht nur evangelikalerseits gehörige Beachtung verdient. Insofern hat er sich um die Theologie verdient gemacht.

1 In: Europäische Theologische Zeitschrift XII (2003), S. 5–20; Zitate S. 6.20

 

23.09.2003 –  http://www.afet.de