Die Verleihung des Johann-Tobias-Beck-Preises 2002 an den Theologen Dr. Thomas Kothmann fand am 13. Dezember 2002 in Gießen im Rahmen eines Empfangs zum 25-jährigen Bestehen des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) statt. Er wurde für seine Arbeit über Karl Heim, Apologetik und Mission. Die missionarische Theologie Karl Heims als Beitrag für eine Missionstheologie der Gegenwart, geehrt. Die mit 1000 Euro dotierte Auszeichnung wurde vom AfeT-Vorsitzenden und Rektor des Albrecht-Bengel-Studienhauses, Dr. Rolf Hille (Tübingen) überreicht. Rolf Hille, selbst Karl-Heim-Forscher, würdigt die Arbeit des Preisträgers in seiner Laudatio, die hier als überarbeitete Tonbandnachschrift wiedergegeben wird.

Laudatio zur Verleihung des
Johann-Tobias-Beck-Preises 2002

von Dr. Rolf Hille.

Es ist mir eine große Freude, jetzt in unserer Mitte den Preisträger des Johann-Tobias-Beck-Preises 2002 mit seiner Frau zu begrüßen; es ist Dr. Thomas Kothmann! Mit ihm verbindet mich ein Stückchen geistige Wahlverwandtschaft. Unser Interesse und unsere theologische Leidenschaft, aber auch manche durchlittene Zeit im Umgang mit der Abfassung der Dissertation sind durch den bedeutenden evangelischen Theologen Karl Heim geprägt.

Wer war dieser Karl Heim?

Als in den 20er und 30er Jahren in Tübingen massenhaft Studenten im Großen Hörsaal der Neuen Aula zusammenströmten, kommt ein Physikstudent und fragt: „Was ist denn hier los?“ Er kam gerade aus einer Vorlesung seines Physikprofessors über die Entropie und wusste nicht, was er mit diesem Begriff anfangen sollte. Ein Kommilitone sagt ihm: „Professor Heim hält hier seine Lehrveranstaltung.“ Der Physikstudent geht in die Lehrveranstaltung Heims mit und erfährt von dem Theologen, was Entropie wirklich ist. Diese Begebenheit zeigt ein bisschen die Faszination, die von Karl Heim ausging. An seinem Geburtshaus in Frauenzimmern in Württemberg, wo sein Vater Pfarrer war und wo Heim groß geworden ist, ist eine Tafel angebracht: „Karl Heim, Prediger vor Weingärtnern, Physikern und Philosophen.“ Heim war jemand, der es in einer geradezu genialen Weise verstanden hat, Menschen durch seine Anschaulichkeit anzusprechen und der gleichzeitig durch die geistige Tiefe, die seine Verkündigung prägte, auch die Anspruchsvollen erreichen konnte. Dieser Karl Heim verstand sich als ein Theologe – und das wird in dem Buch von Dr. Kothmann, das wir heute auszeichnen, sehr schön herausgearbeitet – dieser Karl Heim versteht sich als ein barmherziger Samariter. Heim wollte nach innen, angesichts der Anfechtungen, die Christen in der modernen Gesellschaft erfahren, einen Dienst der intellektuellen Diakonie an seinen Studenten tun. Er nahm die Fragen des Glaubens auf und kehrte sie nicht einfach unter den Teppich. Er hat damit auch ungemein befreiend gewirkt, weil die Studenten wussten, sie konnten mit ihren Fragen zu ihrem Professor kommen. Zum anderen ist Heims konsequente Ausrichtung auf eine missionarisch bestimmte Theologie charakteristisch. Er schreibt in einem Vorwort zu seinem Hauptwerk, dass die Zielgruppe, die er beim Abfassen seiner theologischen Werke im Auge hat, aus zwei Berufsgruppen besteht: Einmal die Pfarrer in Großstadtgemeinden, die in einer multikulturellen und säkularen Gesellschaft leben. Heim ahnte mit einem feinen Gespür voraus, dass hier die Kernpunkte und Problembereiche der Zukunft liegen werden. Und zum anderen wollte Heim speziell Lehrer an Gymnasien ansprechen und sie argumentativ auf ihren Dienst vorbereiten. Primär für diese beiden Zielgruppen hat er seine Bücher verfasst.

Nun hat Dr. Kothmann in seiner Dissertation die Theologie Karl Heims unter missiologischem Aspekt, also unter der Frage nach der Missionstheologie präzise dargestellt und für die aktuelle theologische Situation gewürdigt. Dabei wird deutlich, dass für Karl Heim die Erfahrung der eigenen Bekehrung, d.h. das Angesprochensein von Christus, nicht nur ein existenzielles und frömmigkeitsgeschichtliches Vorzeichen ist, sondern dass aus dieser Grunderfahrung des Glaubens eine neue Denkhaltung entsteht und ein hermeneutischer Horizont aufgerissen wird, dem die Theologie insgesamt verpflichtet ist.

Im Blick auf die Würdigung der Arbeit von Dr. Kothmann ist ferner zu bedenken, dass die Missionstheologie bei Heim nur mühsam aus den einzelnen Schriften herauszudestillieren ist. Dr. Kothmann stellt dar, dass Heim in differenzierten Analysen die großen Religionen der Welt als Herausforderung angenommen und verstanden hat. Kothmann zeigt, wie Heim die Religionen dabei mit einer gewissen Noblesse behandelt. Er fragt, wie sich diese Religionen in ihrem eigenen Wahrheitsanspruch verstehen. Erst dann erörtert Heim, wie eine Antwort auf diese Herausforderung durch die Religionen seitens der christlichen Theologie aussehen kann. Kothmanns Forschungsbeitrag zeigt so die verschiedenen weltanschaulichen Perspektiven der Religionen auf und gibt eine in sich konsistente theologische Antwort im Blick auf die Frage nach der Dialogfähigkeit des Christentums.

Aber Dr. Kothmann zeigt auch die Tiefendimension der Heimschen Missionstheologie. Sie besteht darin, dass es in der Begegnung mit anderen Religionen nicht nur um eine intellektuelle Auseinandersetzung geht, sondern dass gerade hier zwischen Christus und seinem universalen Gegenspieler ein fundamentaler Widerspruch aufbricht. Diese Problematik ist in jedem missionarischen Zeugnis virulent. Die Mission ereignet sich im Kontext dieser Konfrontation zwischen Christus und widergöttlichen Mächten. Das gilt trotz aller Vornehmheit und bei allem verständnisvollen Einfühlen im missionarischen Gespräch. Hier geht es um ein Kampfgeschehen, in das sich der Missionar einlässt. Mit dieser Einsicht wurde Karl Heim mit seinem theologischen Entwurf ein Vertrauensmann der deutschen Missionsbewegung, der durch seine Auslandsreisen u.a. durch seine Teilnahme am Internationalen Kongress für Weltmission 1928 in Jerusalem, einen wichtigen internationalen Beitrag geleistet hat. Die einzigartige Profilierung der Heimschen Missionstheologie wird auf diese Weise in dem Buch von Dr. Kothmann klar entfaltet und damit für die heutige Fragestellung fruchtbar gemacht.

Zudem weist Kothmann nach – und das ist nicht zu unterschätzen – dass es sich bei Heim nicht nur um das inhaltliche Konzept einer Missionstheologie handelt, sondern gleichzeitig auch um den heute noch höchst virulenten und für uns aktuellen missiologischen Denkstil, der Heims Theologie bestimmt hat. Als Heim wirkte war die Missionswissenschaft im Fächerkanon der evangelischen Theologie noch nicht so selbstverständlich etabliert. Aber Heim hat deutlich gemacht, wie die systematische Theologie von ihrer Wurzel her durch das missionarische Anliegen bestimmt sein soll. Dieses auf Mission gerichtete Denken gewinnt als eine lebendige und hilfreiche Apologetik in Heims Entwurf insgesamt Gestalt.

Überreichung des Preises

Vielen Dank, lieber Herr Dr. Kothmann für Ihren Forschungsbeitrag. Ich darf Sie jetzt bitten, zur Verleihung des Preises zu mir zu kommen!

Der Johann-Tobias-Beck-Preis des Jahres 2002 des Arbeitskreises für evangelikale Theologie wird Herrn Dr. phil. Thomas Kothmann für seine Dissertationsschrift „Apologetik und Mission. Die missionarische Theologie Karl Heims als Beitrag für eine Missionstheologie der Gegenwart“ verliehen. Ganz herzlichen Glückwunsch!

Danksagung Dr. Thomas Kothmann

Das Gefühl der Dankbarkeit und Freude, das mich heute abend bewegt, wird sicher niemanden überraschen, deshalb will ich’s mit dem Volksmund halten, der sagt, je größer die Dankbarkeit, desto kürzer die Rede!

Danken will ich zunächst den Mitgliedern des Arbeitskreises für evangelikale Theologie, die meine Arbeit ausgewählt haben und dabei ja offenkundig nicht nach dem Motto gehandelt haben: „Apologetik und Mission – rette sich wer kann!“, sondern die umgekehrt das Anliegen einer missionarischen Theologie und der Misssion generell positiv gewürdigt haben und eher einem Diktum von Emil Brunner entsprochen haben: „So wie das Feuer in seinem Brennen, so existiert die Kirche in ihrer Mission!“.

Danken will auch Ihnen, lieber Herr Dr. Hille, dass Sie meine Arbeit so freundlich gewürdigt haben. Sie sagten’s ja schon, uns beide verbindet das Interesse für Karl Heim und ich darf nun auch den Dank zurückgeben im Blick auf Ihre Arbeit; sie hat mir am Anfang meiner Promotion einen wichtigen Zugang zu der Thematik und zu Karl Heim verschafft. Nicht zu vergessen auch den Video der Karl-Heim-Gesellschaft, der mir im Zusammenhang meiner Studien in die Hände fiel und der die Persönlichkeit Karl Heims, noch mal wesentlich plastischer werden ließ.

Danken will ich auch Ihnen, die Sie ja vor allem natürlich im Rahmen der Feierstunde für den Arbeitskreis heute abend hier anwesend sind. Sie geben mir damit ein bisschen die Ehre.

Wen nun noch interessiert, was ich gegenwärtig mache, so möchte ich hierzu abschließend ein paar Bemerkungen machen: Ich bin von der systematischen Theologie in die Religionspädagogik gewechselt und befasse mich nun nach dem missionarischen Imperativ sozusagen mit dem katechetischen, dem religionspädagogischen ‚und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe‘. Genauer heißt das: ich beschäftige mich mit „Ideen und wirkungsgeschichtlichen Aspekten zu Begründung, Inhalt und Ziel des Religionsunterrichts in Bayern im 19. und 20. Jahrhundert“. Angesichts der heftigen Diskussion um den Religionsunterricht, wie wir sie momentan erleben, ist dies eine für mich nicht weniger spannende Aufgabe als die Beschäftigung mit einer missionarisch orientierten Theologie.

Bleibt am Ende der herzliche Dank und gute Segenswünsche für den Arbeitskreis in seinen vielen verschiedenen Gruppen! Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit! Vielen Dank!


05.06.2003