Die Wirklichkeit des Dogmatischen

Tagung der Facharbeitsgruppe Systematische Theologie

Christian Herrmann

Mit sechs Teilnehmern war die Frühjahrstagung 2001 der Facharbeitsgruppe Systematische Theologie (FAGST) am 23./24.3 in Tübingen relativ schwach besucht. Die Diskussionen und Anregungen für die individuelle Weiterarbeit an Schwerpunktthemen waren allerdings recht lebhaft.

Heute noch dogmatisch?

In seinem Vortrag über die Frage „Darf man heute noch dogmatisch sein?“ zeigte PD Dr. Eberhard Hahn auf, dass es im Zuge der Emanzipation vom Dogmatischen zu dessen Restitution auf einer anderen Basis kommt und sich hinter der Dogmenkritik andere Formen von Normierungen verbergen. Dabei wurde „Dogma“ nicht im engen Sinne als Lehrsatz, sondern im weiteren Sinne als auch sozial (Verbindung und Abgrenzung) wirksame Bewusstseinsbindung und Urteilsgrundlage definiert (vgl. Fußball-Fan). In der christlichen Dogmatik seien nicht die Inhalte zu verändern, sondern der unwandelbare eine Glaube im Rückbezug auf Christus („Rückwärtseinschnitt“) gegenüber konkurrierenden Bezugspunkten immer wieder neu zu formulieren und festzuhalten. Die Dogmatik will eine Basis für das theologische Urteil als Scheidung zwischen Gott und Göttern (1. Gebot) bieten. In der Diskussion wurde das Problem der Wahrheitsfindung über die phänomenologische Beobachtung des Dogmenkonflikts hinaus angesprochen, das bei Vorhandensein derselben Voraussetzungen (Schriftbindung) verschärft wird (z. B. partielle, konfessionell bedingte Differenzen im AfeT).

Ethik und Apologie

Rektor Dr. Rolf Hille zeigte unter Bezugnahme auf neuere philosophische Entwürfe in einem Referat über „Ethische und apologetische Perspektiven“ Versuche auf, die biblische Anthropologie (Schöpfung) und Hamartiologie (das Böse nicht anerschaffen) festzuhalten, ohne die Bemühung um eine naturwissenschaftliche Methodik und einen interdisziplinären Dialog abzulehnen. Die thomistische Bestimmung der Wahrheit als „adaequatio rei et intellectus“ sei unzureichend, weil die Interaktion von Subjekt und Objekt unbeachtet bleibe. Die neuprotestantische Vermittlungstheologie biete nur eine subjektive Gewissmachung und betreibe zudem eine Ethisierung im Gefolge Kants.

Naturalismus und Anthropologie

In der Diskussion wurde das Problem einer naturalistischen Füllung anthropologischer Wesensaussagen (z.B. geistiges Bewusstsein, Kommunikationsfähigkeit) und deren ethischer Schlussfolgerungen (Befreiung von absoluten, aus der christlichen Schöpfungslehre abgeleiteten Werten, z.B. in Lebensschutz-Fragen) angesprochen. Wenn die Aggression ein vorgegebenes, weil genetisch bedingtes Verhaltensmuster sei (Axiom der Evolutionstheorie) oder das Übel wie bei Hegel als von vorneherein vorgesehener Teil einer sinnvollen und zum Guten dienenden Dialektik verstanden werde (Erdbeben), habe das unübersehbare Konsequenzen für das Verständnis der Schöpfung („sehr gut“) und der Sünde (Verantwortlichkeitsproblem; Differenz von Sollen und Sein/Tun). In kontextuellen Theologien werde das menschliche Sein – naturalistisch – als Werden verstanden und die Sünde in den Evolutionsprozess hineingenommen, was das Personsein an die Erreichung bestimmter Eigenschaften und Fähigkeiten binde. Die Evolutionstheorie komme nicht ohne die Annahme kontingenter Ereignisse (Übergänge, Sprünge) aus und könne nur in einer von stringenten Logizismen befreiten Weise, entideologisiert als Denkmodell ein Dialogpartner sein. Die Wissenschaft stoße zunehmend auf Theoriegrenzen und sei auf Intuition angewiesen. Je mehr – z. T. bereits in sich ambivalente – positive Möglichkeiten der Wissenschaft entstünden, desto mehr negative Optionen würden sichtbar (Amplitudenmodell).

Erfahrung als Bezugspunkt

Als Projekt für die künftigen Tagungen des FAGST wurde die Erarbeitung von Einzelaspekten der Erfahrung als Bezugspunkt theologischer Erkenntnis und christlichen Lebens anvisiert, was in eine Publikation (dogmatisches Arbeitsbuch mit einem durchgehenden Beispielkomplex) einmünden könnte. Das nächste Treffen der FAGST wird außer bei der Studienkonferenz in Bad Blankenburg (10.09.2001, 15.00–18.00 Uhr) am 1./2.2.2002 voraussichtlich in Marburg stattfinden.

aus: Evangelikale Theologie Mitteilungen – ETM 7/1 (2001)
Herausgeber: AfeT – Arbeitskreis für evangelikale Theologie

01.06.2001
Facharbeitsgruppe Systematische Theologie
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