Theologischer Wahrheitsanspruch und die Postmoderne

AfeT-Studienkonferenz 5.–8.9.99 Bad Blankenburg

Ralph Meier

Einer postmodernen Gesellschaft gegenüber, die keine Wahrheit mehr als eine gültige anerkennt, sind die Christen das Zeugnis von der einen Wahrheit, die Jesus Christus ist, schuldig. Das gilt in einer Situation, in der die Menschen bei einer völligen Auflösung und Beliebigkeit von Werten neu nach Orientierung und Hilfestellung fragen. – Dies war ein durchgehender Grundtenor der Referate und Seminare bei der AfeT-Studienkonferenz vom 5.–8. September 1999 in Bad Blankenburg, die von etwa 65 Teilnehmern besucht wurde.

Die fünf Hauptreferate waren in der Reihenfolge einleuchtend und bauten thematisch aufeinander auf: Nach einer Analyse der gegenwärtigen Situation durch Rolf Hille folgte ein Referat zur gegenwärtigen exegetischen Situation unter dem Aspekt der Postmoderne von Herbert Klement. Dann wurden zwei systematisch-theologische Referate über Kriterien theologischer Wahrheit (Prof. Friedrich Beißer) und zu Jesus Christus als die Wahrheit der Welt (Reinhard Frische) gehalten. Den Abschluss der Reihe bildete ein Ausblick auf die Chancen und Herausforderungen der Theologie im 21. Jahrhundert.

Rektor Dr. Helge Stadelmann und Pfr. Dr. Ralph Meier

Schlaglichtartig greife ich im Folgenden einige Aspekte aus den Hauptreferaten heraus, die mir besonders eindrücklich waren.

Der Vorsitzende Dr. Rolf HilleRolf Hille eröffnete die Konferenz mit einer Skizze des Weges von der Vormoderne über die Moderne zur Postmoderne. Er zeigte auf, wie sich am Ende unseres Jahrhunderts die Ansätze des Modernismus und Säkularismus zuspitzen, Postmoderne ist dabei verstanden als eine Form der Radikalisierung des Modernismus.

Hinsichtlich der Situation in der biblischen Exegese sind, wie Herbert Klement in seinem Referat aufzeigte, sowohl begrüßenswerte wie auch fragliche Entwicklungen zu beobachten. Während in den letzten Jahrzehnten zunehmend eine Erweiterung der traditionellen historisch-kritischen Methode insbesondere literaturwissenschaftlicher Ansätze erfolgte, zeigt sich im postmodernen Denken – auch bei manchen evangelikal orientierten Exegeten – eine deutliche Verschiebung. War es bisher vor allem darum gegangen, den Text in der ursprünglichen Intention des Verfassers zu verstehen mit Mitteln der historischen Forschung, zeigt sich in der Postmoderne eine Verschiebung hin zum Exegeten selbst: die Auslegung eines Textes gilt als entscheidend mitbestimmt von der Situation, den Werten und Konventionen des Exegeten, so daß jede Auslegung eines Textes sehr subjektiven Charakter gewinnt und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann.

Wenngleich unbestritten ist, worauf ja auch insbesondere evangelikale Theologen immer wieder verwiesen haben, dass es keine neutrale, vorurteilsfreie Exegese eines Bibeltextes geben kann, so erhebt sich angesichts dieser neuen Situation die Frage: Kann es dann überhaupt noch einen Anspruch auf gültige Wahrheit und eine dem Text entsprechende Auslegung geben? Herbert Klement fordert mit Recht, dass die Zielvorgabe, dem jeweiligen Text und dem Verfasser oder Tradenten des Textes gerecht zu werden, nicht preisgegeben werden darf. Hier steht die (evangelikale) Exegese vor einer großen Herausforderung, der sie sich nicht entziehen darf.

Bericht im Plenum

Friedrich Beißer fragte in seinem Referat nach den Kriterien theologischer Rede und stellte einleitend den gängigen Inhalt evangelischer Predigt dar. Sie besteht aus zwei Sätzen – Erstens: Gott liebt alle Menschen, deshalb sind alle von vornherein angenommen, und zweitens: Deswegen sind wir verpflichtet, Liebe zu üben.

Beide Sätze sind nach Beißer in dieser Weise falsch, weil nur diejenigen angenommen sind, die an Jesus Christus glauben und der Aufruf zur Liebe in der Theorie stecken bleibt. Als wichtigste Kriterien zur Prüfung theologischer Rede nannte Beißer die Heilige Schrift und die Glaubensbekenntnisse. Ohne als Ganzes auf eine historisch-kritische Auslegung verzichten zu wollen, mahnte Beißer eine Durchbrechung der traditionellen historisch-kritischen Methode an hinsichtlich des Rationalismus (mit der Kritik an Wundern einschließlich der Auferstehung) und der Dogmenkritik. Die Glaubensbekenntnisse sind laut Beißer die Zusammenfassung der Aussagen der Heiligen Schrift und haben als solche auch verbindlichen Charakter.

Reinhard Frische stellte in seinem Referat über Jesus Christus als die Wahrheit der Welt vor allem die Glaubenspraxis von Jesus, wie sie in den Evangelien überliefert ist, in den Vordergrund. Er hob hervor, dass wir als Christen am Eifer und der Liebe zu Gott, wie Jesus sie gelebt hat, neu lernen können und uns daran ausrichten sollten.

In seinem Abschlussreferat über die zukünftigen Herausforderungen widersprach Gerhard Maier der These Dietrich Bonhoeffers von einer religionslosen Welt. Im Gegenteil sei unsere Gegenwart religiöser denn je, wie allein der Blick auf den Esoterik-Markt erkennen lasse. Als eine Herausforderung nannte Maier, dass wir vom Neuen Testament her in der Begegnung mit den anderen Religionen zuverlässig sagen müssen, wer Jesus Christus ist. Das aber ist nur möglich, wenn die Vertrauenswürdigkeit der Bibel nicht aufgelöst und sie als Gottes Wort ernst genommen wird. Hinsichtlich des persönlichen Lebens müsse die Frage nach Glaube und Leben, Glaube und Werken als dem gelebten Glauben neu gestellt werden. Nach Maier achten auch die Gemeinde wieder zunehmend darauf, dass bei Neueinstellungen solche Pfarrer genommen werden, bei denen die Verkündigung und das Leben übereinstimmen.

Facharbeitsgruppenseminar Neues Testament

An die Seite der skizzierten Hauptreferate traten jeweils drei Seminare der unterschiedlichen Facharbeitsgruppen – eine, wie ich meine, gelungene Ergänzung. Hier wurde für weitere Tagungen der Wunsch laut, lieber weniger Seminare, diese dann aber zweimal anzubieten, um so an verschiedenen Angeboten teilnehmen zu können.

Facharbeitsgruppenseminar Praktische Theologie

Die morgendlichen Bibelarbeiten hatten drei der „Ich-bin-Worte“ Jesu zum Thema und dienten der Besinnung auf denjenigen, der selbst die Wahrheit ist, Jesus Christus.

Als wohl tuend in der Konzentration auf die Tageslosung empfand ich die Abendandachten von Helgo Lindner.

Ein wichtiger Bestandteil auch der diesjährigen Tagung waren die Gespräche und Begegnungen „zwischen den (Referats-) Zeiten“. Für diese Möglichkeiten sollte zukünftig noch etwas mehr Raum sein, auch wenn dabei vielleicht ein Referat weniger auf dem Programm steht.

Insgesamt war die AfeT-Tagung ein inspirierendes, weiterführendes Treffen, dem in Zukunft noch mehr Teilnehmer aus dem Bereich der evangelikalen Theologie zu wünschen sind.

Ein positives Signal für die evangelikale Theologie ist, dass allein während der Tagung sechs neue Mitglieder in den AfeT aufgenommen wurden.

Die Referate der Studienkonferenz werden veröffentlicht in dem im Frühjahr 2000 erscheinenden Berichtsband.

aus: Evangelikale Theologie Mitteilungen - ETM 5/2 (1999)
Herausgeber: AfeT - Arbeitskreis für evangelikale Theologie


23.12.1999
weitere ETM-Beiträge
AfeT-Startseite