Etwa ein Drittel der deutschen Schulabgänger macht Abitur. Bei den Evangelikalen gibt es keine Datenerhebungen, die den Statistiken der Bundesländer vergleichbar sind, aber die Quote dürfte kaum anders sein. Aufgrund des gestiegenen allgemeinen Bildungsniveaus müssten wir annehmen, dass unter Christen auch mehr Verständnis für die Theologie vorhanden ist? Weit gefehlt! Weithin scheint bei den so genannten „Laien“ das ungeschriebene Gesetz zu gelten, dass Theologie eine Aufgabe für Fachleute ist. Wenn ein Mediziner ins Mikroskop schaut, ist für medizinische Laien evident, dass seine Forschung die Menschheit voranbringen wird. Wenn sich dagegen ein Theologe in der Forschung engagiert, weiß „man“ nur zu gut schon vorher, dass diese und weitere Spezialistenarbeiten die Christenheit nicht voranbringen werden. Und da sich theologische Literatur schlecht verkauft, sehen einige Verlage ganz von der Publikation derartiger Titel ab und publizieren nur Romane und Bücher zur Lebenshilfe. So könnte man auf die Titelseite nicht weniger Verlagsprospekte getrost drucken: „Garantiert 100% theologiefrei!“
Natürlich muss eine Arbeit über armenische Philotexte nicht für die Allgemeinheit geschrieben sein. Und vieles, was ein Alttestamentler schreibt, wird auch seinen Kollegen aus anderen Fächern nicht zugänglich sein oder sie nicht interessieren. Aber gibt es nicht auch eine Theologie, die jeder allgemeingebildete Christenmensch verstehen könnte, die ihn im Glauben und Verstehen (fides quaerens intellectum!) voranbringen könnte, wenn er sich damit beschäftigen würde? Es soll ja Zeiten gegeben haben – oder sind es doch Legenden? –, in denen Nichttheologen den neusten Band von Karl Barths Kirchlicher Dogmatik in den Urlaub mitnahmen, um darin zu lesen. „Laien“ lasen die Sechs Bücher vom wahren Christentum mit ihren über tausend Seiten und haben so nicht nur ihren Glauben erbaut, sondern auch theologisch etwas dazugelernt. Auf Anraten von Dietrich Bonhoeffer lernte Ruth von Kleist-Retzow in hohem Alter noch Griechisch, um das Neue Testament besser kennen zu lernen. – Sollte für unsere Zeit wirklich alle Hoffnung verloren sein?
Das 18. Jahrbuch hat durch die Aufsätze zum Alten und Neuen Testament einen exegetischen Schwerpunkt. Den Auftakt macht in diesem Jahr Walter Hilbrands, Dozent an der FTA Gießen, mit zehn Thesen zu einem heiß diskutierten Thema, der biblischen Schöpfungstradition in Genesis 1–2. Jean-Georges Gantenbein, Pastor einer Chrischona-Stadtmission in Frankreich (Union des Eglises Chrètiennes Evangèliques), erörtert das Problem der Rache- und Feindpsalmen. Der theologische Referent des AfeT, Herbert Klement, geht der Frage nach, wie die Prophetenworte des Jeremia verschriftet worden sind. Uwe Zerbst schlägt in Zusammenarbeit mit Peter van der Veen und John Bimson eine Revision der bisherigen ägyptischen Chronologie vor, um dadurch Schwierigkeiten der biblischen Chronologie zu lösen. Die beiden Spezialisten für Pastoralbriefe, Pfarrer Rüdiger Fuchs aus Lensahn und Philipp H. Towner, Mitarbeiter der United Bible Societies, präsentieren umfangreiche Argumente für die Authentizität dieser drei Briefe des Apostels Paulus. Der methodistische Kirchenhistoriker Christoph Raedel aus Reutlingen untersucht die Anschauungen über die Eschatologie im Methodismus des 19. Jahrhunderts. Dabei geht er auf die Rolle des Deutschamerikaners Ernst Ströter ein, für Freunde der Pietismusgeschichte ein alter Bekannter aus der Frühphase der Gnadauer Bewegung. Roland Scharfenberg, Studienleiter am Bibelseminar Bergstraße in Königsfeld, stellt die Lehre des Pfingstpredigers Kenneth Hagin dar. Ralph Meier, in der Lehrerausbildung an der Hochschule im norwegischen Volda tätig, berichtet von einem Besuch der Nairobi Evangelical Graduate School of Theology. Mitteilungen des Unterzeichnenden über Pietismus-Archive in Basel sollen Erforscher des Neupietismus auf bisher wenig bekannte Quellen hinweisen.
Die englischsprachigen Zusammenfassungen der Aufsätze wurden von Professor Dr. Ian Howard Marshall, Aberdeen, durchgesehen. Das Layout erstellte Pfr. z. A. Ulrich Harst. Eine vollständige Liste der in allen Jahrbüchern veröffentlichten Aufsätze und Buchbesprechungen kann auf der Internetseite des AfeT, http://www.afet.de/jahrbuch.htm, eingesehen werden. Dort können auch die Richtlinien für Autoren heruntergeladen werden.
Zum Schluss dieses Vorworts soll ein Zitat von Tertullian darauf hinweisen, wie man die Evangelienüberlieferung am Ende des 2. Jahrhunderts verstanden hat: „Wir haben die Apostel des Herrn zu Gewährsmännern, welche nicht einmal selbst nach ihrem Gutdünken etwas auswählten, um es einzuführen, sondern welche die von Christus empfangene Lehre den Nationen treulich überlieferten.“ (De praescriptione haereticorum VI,4, CCSL 1, 191; BKV 24, 312)
Jochen Eber